Einiges über Marzipan:
Bei Thomas Mann ist zu lesen.
,,Marzipan... ist eine sehr wohlschmeckende Substanz, und... eine
nichts weniger als triviale, sondern geradezu merkwürdige und ...
geheimnisvolle. Und sieht man sich diese Süßigkeit
genauer an, diese Mischung aus Mandeln und Rosenwasser und Zucker, so
drängt
sich die Vermutung auf, daß da der Orient im Spiel ist, daß man einen
Haremskonfekt
vor sich hat.
In der Tat ist man sich heute sicher, daß der Ursprung dieser seit über
1000 Jahren beliebten leckerspeise im Vorderen Orient zu suchen ist.
Dort
wuchsen die Mandeln und dorthin war auch schon zu Zeiten des berühmten
Arztes
Galenos von Pergamon (131 bis 201 n. Chr.) der Anbau des Zuckerrohrs
vorgedrangen.
So raffinierten die Araber im 9. Jahrhundert Zucker aus dem im
ehemaligen
Susiana (der heutigen iranischen Provinz Khanzestan am Persischen Golf)
gedeihenden Zuckerrohr.
Der Namen ,,Marzipan" stammt aus dem Mittelmeerraum. Dort waren um das
Jahr 1000 byzantinische Münzen mit dem Bild des thronenden Christus im
Umlau{ die ,,Mauthaban" (=sitzender Mann) genannt wurden. In Venedig
wurde
daraus ,,Mataban". Dieser Begriff übertrug sich auch auf Schachtelmaße.
Später, als sich die Versendung von Gewürzen und Konfekt in
Spanschachteln eingebürgert hatte, ist die Bezeichnung von der
Verpackung auf den Inhalt übergegangen und veränderte sich im
italienischen zu »Mazaban". Seit 1300
scheint damit der uns heute geläufige Begriff geprägt zu sein. In
Italien
findet man die ersten sicheren Berichte über eine As »Mazaban"
bezeichnete Mischung aus Mandeln und Zucker. Es wird berichtet, daß der
deutsche Kaiser
Karl IV. im Jahr 1368 bei seinem Einzug in Siena mit Blattgold
überzogene Marzipanbrote als Geschenk erhielt. Lange Zeit blieb
Marzipan als leckerei nur Fürsten und gekrönten Häuptern vorbehalten.
Daneben allerdings findet
man es immer wieder als Arznei und Stärkungsmittel empfohlen.
Im Jahre 1739 findet sich im ,,Großen und vollständigen universalen
lexikon",
von Johann Heinrich Zedler eine genauere Beschreibung der Herstellung
und
Verwendung von Marzipan:
,,Marcipan, Marcepan, ist eine Art Zucker-Gebackenes, das von süssen
Mandeln, Haselnüssen, Pistacien, u. am. gemacht, und auf mancherley
Weise
zubereitet wird. Der Teig darzu, worauf das meiste ankommt, wird
folgendergestalt
gemacht: Nachdem man die Mandeln, zum Exempel ein Pfund, gehörig
geschälet,
im kalten Wasser eine zeitlang liegen gehabt, und hernach zwischen
reinen
Tüchern wohl abgetrocknet, stösser man solche in einem steinernen
Mörser
zu Mus, feuchtet sie aber inzwischen immer mit Orange-Bluth-Wasser oder
Rosen Wasser an, damit sie kein Oel von sich geben, welches sonst den
Marcipan
ungeschmack machen würde, darunter man endlich ein Pfund klein
gestossenen
und durchgesiebten Zucker menget, und alles einem dicken Brey gleich
macht,
welchen man, daß nichts grobes darinnen bleibe zuletzt durch ein
Haar-Sieb
oder Tuch treibet. Hierauf siedet man diesen Teig auf einem gelinden
Feuer
solange, bis er sich von der Pfanne giebt, rühret ihn aber darneben
fleißig
um, daß er nicht anbrenne. Sobald er genug gesotten, giesset man
selbigen
in steinerne Geschier, so vorhero wohl mit Zucker bestreuet seyn
müssen,
daß er sich nicht anghange, und wenn er kalt, leget man ihn auf den
Tisch,
arbeitet ihn mit dem Mandel- oder Wargel-Holtz wie einen anderen Teig
in
die Breite, und bildet daraus nach seinen eigenen Gefallen allerley
Figuren,
diese werden alsdenn in dem Ofen gebacken; wenn sie wieder
herausgenommen,
und ein Eis darüber gestrichen worden, alsdenn wieder in den Ofen
geschoben,
daß dieses auch gar werde. Wenn es grosse Marcipan, pfleget man
zugleich
mit dem Eis Pistacien, Citronen- oder Pomerantzen-Schaalen, Citronat,
u.
d. g. darauf zu stecken. Aus eben diesem Teig machet man auch grosse
und
kleine Torten-Böden, und füllet selbige mit weichen Confituren, welches
gemeiniglich gefüllter Marcipan genennet wird; oder man wargelt unter
einem
Bret, so, wie auch der Tisch, fleißig mit Zucker zu bestreuen, den Teig
rund, lang und schmahl, wie man es begehret, und formiret daraus
allerley
Figuren, als Buchstaben, verzogene Namen, Wappen, Blumen, u. 5. f.
bäcket
solches in dem Ofen gehörig ab, welche Art man gesponnenen Marcipan
nennet,
und die Schüsseln oder andere Confituren damit ausputzet.
Napoleon ist an allem schuld
Der für die Marzipanbereitung benötigte Zucker mußte aus
Übersee herangeschafft werden und war so teuer, daß Marzipan als
Leckerei
nur auf die Festtafeln von Fürsten und Honoratioren beschränkt blieb.
Das
änderte sich, wie so vieles andere, erst im Gefolge der französischen
Revolution.
Es war Napoleon 1., der imjahre 1806 über Europa die
,,Kontinentalsperre" verhängte, um die englische Vorherrschaft auf den
Meeren zu brechen. Dieses
erste Handelsembargo gegen einen Staat schnitt Europa unter anderem
auch
von den überseeischen Zuckerlieferanten ab. Etwa zur gleichen Zeit
hatte
der deutsche Chemiker Franz Karl Achard auf dem vom preußischen König
zur
Verfügung gestellten Gut Kunern in Niederschlesien die Zuckergewinnung
aus Runkelrüben zur Produktionsreife entwickelt. Im Schutz der
Kontinentalsperre konnte sich dieses neuen Verfahren schnell
entwickeln. Damit wurde nach
und nach der Zucker für das Volk erschwinglicher. Es war nun möglich,
daß
sich die Zuckerbäckerei ausbreitete und immer mehr die
Marzipanbereitung
aufnahm.
Marzipan ist heute eine weitverbreitete leckerei, die infolge ihres
hohen Genußwertes aus dem Bereich der Konditorei-Waren nicht mehr
wegzudenken
ist. Im europäischen Raum wird das meiste Marzipan von den
Deutschsprachigen
verzehrt. Daneben hat es aber auch in den anderen Ländern seinen festen
Platz.
Wenn wir uns umsehen, so finden wir ein außerordentlich vielfältiges
formenreiches
Angebot in vielen Variationen, und zwar nicht begrenzt auf nur eine
Zeit
des Jahres (z.B. Weihnachten oder Ostern) sondern praktisch das ganze
Jahr
über. Prüfen wir die Qualitäten näher, so finden wir auch hier, wie
kaum
anders zu erwarten, eine breite Streuung, einen breiten Fächer.
Im Bereich des Mandelanbaus hat in den letzten 50-60 Jahren eine
revolutionierende Umwälzung stattgefunden. Noch Ende der 30 er Jahre
dieses Jahrhunderts
Wurden die gehandelten Mandeln praktisch ausschließlich in den Ländern
um
das Mittelmeer sowie im Nahen Osten geerntet. Heute aber haben sich die
Verhältnisse
fast ins Gegenteil verkehrt:
Die Welternte verteilt sich auf die Hauptanbaugebiet wie folgt:
Kalifornien 70 %
Spanien 16 %
Italien 4%
Griechenland 4%
Portugal 1%
andere Länder 4%
Versucht man, die Mandelherkünfte aber nach ihrem aromatischen und
geschmacklichen Wert für die Marzipanbereitung zu bewerten, so ergibt
sich leider folgende Reihenfolge: Italien, Spanien, Kalifornien
Portugal, Griechenland. Daraus folgt: Wirklich aromatisch vollwertiges
Marzipan läßt sich ohne italienische, zumindest aber spanische Mandeln
kaum herstellen. Die in diesen Ländern geernteten Mandeln reichen aber
nicht im entferntesten aus, um aus ihnen allein den Marzipanbedarf zu
befriedigen. Andererseits haben die einzelnen Mandelherkünfte je nach
Sorte ihre jeweils spezifischen und dabei ausgeprägten Eigenheiten, die
sich im Produkt Marzipan sehr deutlich
und je nach Kundenerwartung positiv oder negativ auswirken können. So
ist
der Marzipan-Hersteller darauf angewiesen, durch geschickte
Zusammenstellung der Mandelmischung in Anpassung an die geforderten
Eigenschaften in Wohgeschmack, Konsistenz, Plastizität und
Feinkörnigkeit zu einem für den Kunden akzeptablen Preis herzustellen.
Für den Ernährungsphysiologen ist Marzipan mit 35 Prozent eine gute
,,Kraftnahrung", denn in dieser Zusammensetzung hat es 10 Prozent sehr
vollwertiges
Eiweiß, etwa 38 Prozent Kohlehydrate, 28 Prozent hochwertiges Mandelöl
und
ca. 5 bis 6 Prozent Ballaststoffe und 1,5 Prozent Mineralien. Marzipan
ist
frei von Cholesterin. Das enthaltene Mandelöl ist durch seinen Gehalt
an
einfach und mehrfach ungesättigten Fettsäuren gut geeignet, in unserem
Blut
das für die Gesunderhaltung des Kreislaufs und der Blutgefäße wichtige
Verhältnis
von HDL- zu LDL-Cholesterin günstig einzustellen. Die Mineralien
Kalium,
Magnesium, Calzium, Eisen und Zink sind ebenfalls in sehr zuträglichene
Mengen enthalten und schließlich ist der Gehalt von 5 bis 6 Prozent
Ballaststoffen
nahezu optimal.
Bedeutender Umsatzträger
Für den Großhändler stellt Marzipan einen bedeutenden Umsatzträger
dar, insbesondere in der Saison, wenn nach ruhigen Sommermonaten
plötzlich
eine mehrfache Nachfrage anrollt. Da ausgerechnet mitten in der Saison
der
Wechsel von Marzipan aus alt-erntigen Mandeln zu solchen aus neuer
Ernte
stattfindet, ist Marzipan oft auch ein Prestigeobjekt: möglichst schon
die
Ware aus neuer Ernte zu haben, immer frisch und doch stets lieferfähig
zu
sein. Hinzu kommt noch die Spekulation, gerade zum richtigen Zeitpunkt
im
Auf und Ab der Kurse sich einzudecken, um dann preislich
konkurrenzfähig zu
sein. So gehört das Marzipan sicherlich zu den aufregendsten Produkten
für
den Großhandel.
Für den Konditor ist Marzipan das Qualitätserzeugnis schlechthin mit
fast unendlich vielen Einsatzmöglichkeiten wie kaum ein anderer
Rohstoff.
Seine Verwendung ist außerordentlich vielseitig, z.B.: verformt und
gebacken
als Frankfurter Brenten oder zu Bethmännchen, geformt mit und ohne
Überzug
für Pralinen, als dankbarer und edler Belag auf Torten und Petits
Fours,
als Füllung in Feingebäcken und Keksen, vor allem aber zur Anfertigung
dekorativer
Ornamente und Figuren. Die Kunst des Konditorenhandwerks wurde in
beträchtlichem
Umfang durch das Modellieren des Marzipans geprägt. So erfreut sich der
Konditor des plastischen, aber nicht elastischen Spielgefährten
Marzipan, wenn es
darum geht, in die Welt der Kunst und Phantasie zu entschweifen. Die
Plastizität dieses Rohstoffes regt ihn zur Entfaltung seiner ganz
individuellen und
eigenen Gestaltungsmöglichkeiten an, wie sie sich nur im
Konditorenandwerk
im Lebensmittelbereich bieten. Die Palette der Möglichkeiten reicht von
A
bis Z, z.B. von der Ananas über die Architektur - der Nachbildung von
Gebäuden
- über Blumen - hier vor allem die Rose - bildhafte Reliefs und über
eine
Schlachtplatte bis zur Zitrone.
Wenn für den Konsumenten auch Marzipan nicht mehr etwas Exklusives und
nur für bestimmte obere Gesellschaftskreise Freichbares, sondern
mittlerweile
für ihn immer und fast überall zu haben ist, so ist es doch noch etwas
Besonderes.
Ein stückweit Neibt es etwas Extravagantes, dessen charakteristischer
Geschmack
aus dem süßen Einheitsallerlei hervorsticht. Marzipan erlaubt dem
Konsumenten,
jederzeit bei vielen Anlässen, Feier- und Festtagen Glanzlichter
aufzusetzen, die Freude bereiten, und einem Genuß für Auge, Herz und
Mund bieten. Hier
erweist sich, wie lohnend es ist, alles Fachwissen, alle Sorgfalt,
alles
Können, alle Kunst für die Qualitätspflege bei Herstellung, Lagerung,
Transport, bei der Verarbeitung und der Darbietung des Artikels
Marzipan aufzubieten. Wenn das geschieht, wird der Erfolg nicht
ausbleiben.
Quelle: Leopold Engelhardt
Aus: Backbedarfshandel im Wandel der Zeit
Friedhelm Eickelbaum
www.backring.com